Die Nacht ist mein Freund, Teil 3


Stuttgart Panorama bei Nacht | CC BY 2.0| Juergen Adolph |

Die düstere Anti-Utopie mit realem Hintergrund, vor der uns der Flaschenpost-Artikel Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie warnt, veranlasste unseren Gastautor Hans vom Schloß eine weitere Strecke auf diesem Weg in die Zukunft zu gehen.

Fortsetzung von Teil 2 „Der Digitale Untergrund (DU) erwacht“

potato power!| CC BY-SA 2.0| Martin Fisch |

potato power!| CC BY-SA 2.0| Martin Fisch |

Langsam nähere ich mich einem Supermarkt, in dessen Hinterhof täglich Lebensmittel in Container geworfen werden. Waren, die noch brauchbar sind, Nahrung, die noch haltbar ist. Eine künstliche Verknappung von Waren und Lebensmitteln ist für das System wesentlich geworden. Nur so können Preise aufrecht erhalten werden, die die Profitschwelle übersteigen. Unheimlich, wie viele Tonnen dieses Scheinmülls jeden Tag anfallen. Der Scheinmüll aus Waren entzieht sich jeder Kontrolle, weil nur noch der Brennwert zählt. Auch nach großen Aufklärungskampagnen hat sich daran nichts geändert. Denn die Vernichtung ist systemimmanent, um künstliches Wachstum zu erzeugen. Beim Containern treffe ich eine Freundin. Im mondgleichen Scheinwerferlicht sehe ich ihr verstohlenes Lächeln. Wir teilen unsere Funde, um uns Vielfalt zu schenken. Teilen ist das neue Haben.

Das alte Haben gibt es auch nicht mehr. Nachdem das Bargeld verschwunden war, kamen die Negativzinsen. Sie sagten: zur Bekämpfung von Geldwäsche, Drogenkonsum und Terrorismus. Bargeld hättest Du verstecken können, Girogeld aber schmilzt wie Plastik im Feuer. Die Inflation fraß die Habenzinsen zwar schon lange auf und damit auch jede Altersvorsorge. Doch erst als die Negativzinsen kamen, brannte den Leuten das Geld in der Tasche. Ein ungeahnter Kaufrausch folgte, denn Sparen und Konsumverzicht lohnten nicht mehr. Der globale Wirtschaftsmotor überhitzte final – es gab keine bezahlbaren Ressourcen mehr. Die folgende Finanzkrise war wie ein Weltkrieg gegen die Armen. Nun herrschen keine verschuldeten Staaten mehr, sondern Konzernkapitale, die alle Macht besitzen ohne Geld zu brauchen.

Wir hängen tief in die Container gebeugt. Markenbewusst achten wir darauf, welche Produkte gefahrlos genießbar sind. Viele Fleischprodukte sind antibiotica- und hormonbelastet. Andere Lebensmittel enthalten schädlich viel Salz oder Geschmacksverstärker, deren Chemie die Zungen von Kindern korrumpieren. Die meisten Lebensmittel sind völlig überzuckert oder mit künstlich designten Süßstoffen durchsetzt. Ein Großteil der Gesellschaft ist bereits körperlich stark gezeichnet durch die Praktiken einer menschenverhöhnenden Lebensmittelindustrie. Das Nährstoffkartell wird auch künftig verhindern, eine Lebensmittelampel für Zucker, Salz und Fett aufdrucken zu müssen. Schleichend vergiften sie uns aus reiner Profitgier.

Unbelastete Lebensmittel sammeln wir für unsere Suppenküchen. Wir finden Brauchbares für die Zweite Hand, Ersatzteile für selbstorganisierte Reparaturläden und Tauschwaren für die Paech’schen Verschenkmärkte. Unverhofft fallen mir Bücher auf und Spielzeug, das wir unseren Tagespersonen mitbringen: Für Altersarme, Asylgetäuschte, Straßenkinder und jene, die die Straf-Sanktionen der staatlichen Almosen-Ämter nicht länger ertragen wollten. Die Geld-Eliten lassen dafür Gesetze schreiben und spielen die Verlierer gegeneinander aus. Es gibt Millionen Verlierer – ohne Hoffnung, ohne Perspektive, ohne soziale Anerkennung und grau wie die Kästen, die niemand mehr sieht.

Unser Helfen ist keine Sozialromantik. Es ist ein harter und erbitterter Kampf. Die Frustrationsschwelle ist niedrig geworden gerade bei jungen Menschen, die gestern noch beseelt davon waren, sich gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem aufzulehnen. Heute erfahren sie, was es bedeutet, jeden Tag die eigene Wut zu kanalisieren, trotz Verzweiflung nicht aufzugeben, sich nicht mit Zynismus oder Drogen zu betäuben. Auf Konsum zu verzichten. Hart ist es, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, um nicht doch wieder in die heile Scheinwelt der Medienillusion zu flüchten.

Also träumen wir nicht nur von vage skizzierten Alternativen einer freien Gesellschaft. Wir entwerfen konkrete Visionen einer anderen Welt und versuchen sie in unserem Leben umzusetzen. Wir bauen eine Welt, in der die Menschen selbst organisieren. Damit eröffnen wir verblüffende Perspektiven. Wir glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei ohne Staat leben können. Wir bilden Netzwerke mit horizontalen Strukturen, autonome Organisationen ohne Hierarchien. Die Strukturen einer sterbenden, konsumorientierten Weltordnung lassen keine Alternativen zu. Sie blockieren unsere Zukunft.

Unsere Zukunft wird geprägt sein durch knappe Ressourcen. Doch sprechen wir nicht von Verzicht, sondern von Beschränkung aufs Wesentliche, Befreiung von Ballast, Entschleunigung des Lebens. Dabei ist Individualität unser höchstes Gut – sie zu bewahren und zu leben verlangt große Verantwortung. Verantwortung nicht für sich selbst, sondern für den Anderen. Die Frage lautet nicht mehr, wo die Grenzen des anderen beginnen, um sie nicht zu überschreiten. Die Frage ist, wie weit Du Dich selbst beschränken kannst, um die Individualität aller zu bewahren.

Ohne Gemeinsinn hat Eigensinn schon vieles gesprengt – Ideen, Projekte, Gemeinschaften bis hin zu Parteien, in denen maßlose Ichbezogenheit und Selbstüberschätzung Einzelner den Erfolg des Großen und Ganzen aller verhindert hat. Die Welt wird wieder kleiner werden. Wer Individualität in einer Zukunft rarer Güter leben will, muss zuerst seine eigenen Grenzen kennen. Das Individuum ist egozentrisch, doch es überlebt nur durch die Berührung zum Du.

Die Nacht ist mein Freund. Ich berühre Dich im Schlaf. Wenn Du erwachst, kennst Du meine Träume.

 

Quellen:

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Quelle: Piraten-Planet
Autor:

Datum: Montag, 22. Februar 2016 10:32

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