Nackte Tatsachen, piratige Statements – der Politische Kalender 2017


Ms. August | CC BY ND 4.0 Piratenpartei KV Regensburg

Mr. Dezember | CC BY ND 4.0 Piratenpartei KV Regensburg

Mr. Dezember | CC BY ND 4.0 Piratenpartei KV Regensburg

Transparenz zu leben – dazu gehört Mut. Besonders, wenn man es wörtlich nimmt, und sich öffentlich dafür nackig macht. Zwölf Piraten taten dies für einen guten Zweck: Den Politischen Kalender 2017. Erotik mit politischen Statements verbinden ist alles andere einfach, doch den Machern aus Regensburg ist genau das gelungen. Wenn ihr einen davon an eure Wand hängen wollt, könnt ihr ihn im PShop oder im meinPiratenshop bestellen. Wir sprachen mit zwei von den Köpfen hinter dem Kalender, Katharina Graßler (@short_kath), 1. Vorsitzende  des BV Oberpfalz, und Steffen Heuer (@scarn3t), stellvertretender Schatzmeister im Bundesvorstand.

Flaschenpost: Wie kommt man auf die Idee, so einen Kalender zu machen? Das ist bereits der zweite dieser Art von euch – habt ihr dabei irgendwelche Ziele verfolgt oder dachtet ihr: „Ach, das ist lustig, das könnte man mal machen.“?

Kath: Den ersten Kalender habe wir ja schon 2014 gemacht. Das Ziel damals war, unseren Kommunalwahlkampf zu finanzieren und das sollte ein reiner Art-Kalender werden, der hatte eher keine politischen Positionen. Der aktuelle Kalender ist praktisch eine Weiterentwicklung. Der Zeitpunkt ist so gewählt, dass wir dieses Mal wieder einen Wahlkampf finanzieren können – den Bundestagswahlkampf – und in dem Kalender wollten wir wirklich explizit unsere politischen Positionen darstellen.

Flaschenpost: Mit zwei Kalendern, die ihr bereits gemacht habt, könnt ihr das sicher einschätzen: Was habt ihr denn für einen Arbeitsaufwand pro Kalender? Wann fangt ihr an, einen zu planen und umzusetzen?

Steffen: Da dies der zweite Kalender ist, haben wir natürlich eine Erfahrung von zwei Kalendern. Der erste wurde – ich sage mal – innerhalb eines kürzeren Zeitraums mit heißer Nadel gestrickt. Beim jetzigen Kalender haben wir uns über ein Jahr mit der Herstellung Zeit gelassen, viele Motive frühzeitig erarbeitet, sehr viel darüber nachgedacht, wie wir sie umsetzen und immer ein komplettes Team zusammengetrommelt, um jedes einzelne Bild zu machen. Da steckt jede Menge Arbeit drin.

Flaschenpost: Was ist denn aufwändigste Teil dieser Arbeit? Wofür müsst ihr am meisten Zeit einplanen?

Steffen: Das ist zweiteilig: Erst einmal die Planung, die Idee zu generieren, damit man wenigstens einen Ansatz von einem roten Faden hat – das war schon schwierig. Wir haben uns ja aus dem Grundsatzprogramm und dem Programm bedient und daraus dann die Bilder entwickelt. Da auf einen Nenner zu kommen mit fünf, sechs, sieben, acht Leuten ist schon nicht leicht und hat viel Zeit gekostet. Ansonsten das Schießen der Fotos selbst und das Herrichten der Motive. Das und die Planung sind die zwei Sachen, die am längsten gedauert haben.

Flaschenpost: Ihr plant also die Motive bereits vorher, noch bevor ihr die Models dazu habt?

Kath: Wir haben die Motive schon vorher geplant. Aber wenn wir ein Model für ein bestimmtes Motiv gefunden haben, wird das noch einmal mit dem Model abgesprochen, auf das Model abgestimmt und die Wünsche des Models werden berücksichtigt. Zum Beispiel, weil sie zum Teil nicht mit Gesicht im Kalender dargestellt werden wollten – da muss man teilweise umplanen. Die Grobplanung haben wir also vorher gemacht, die Feinabstimmung geschah dann mit dem Model, damit das Motiv entsprechend auf das Model angepasst werden konnte.

Flaschenpost: Wie entscheidet ihr euch überhaupt, wen ihr für diese Motive anfragt – oder werdet ihr angefragt? Wie fragt man den jemanden am besten: „Hey, möchtest du nackt für ein Kalendermotiv posieren?“

Steffen: Das ist eigentlich ganz leicht. Wie gesagt: Erst braucht es die Idee. Dann schauen wir, wer passen könnte und wen man da fragen muss. Wir haben vor allen mit lokalen Piratinnen und Piraten gearbeitet. Da ist der Dienstweg jetzt nicht so lang. Wir haben aber auch mit externen gearbeitet. Wie du siehst, ist die Piratenlily dabei – sie hat Interesse geäußert, sie hat der Idee zugestimmt und dann haben wir sie eingeladen und das Ganze hier in Regensburg gemacht. Der Kristos war dabei – ganz offensichtlich als Mr. Dezember. Er war gerade in der Gegend, wir haben ihn herangeholt und die Fotos geschossen. Wir haben jetzt sogar schon Leute, die sich beschwert haben, warum sie nicht gefragt wurden. Es gäbe also schon zwei, drei Aspiranten für den nächsten Kalender. Die Leute kommen also auch zum Teil auf uns zu.

Flaschenpost: Ich dachte eher, man muss die Leute dazu überreden, in etwa: „So schlimm ist das nicht, mach mit!“. Aber wenn die Models schon von sich aus anfragen, ist das natürlich klasse.

Steffen: Wichtig ist es, den Models zu sagen: „Wir machen nichts, was du nicht willst. Du siehst das Bild, bevor wir es verwenden.“ Wir machen natürlich Serienaufnahmen von verschiedenen Posen und das Model kann viel davon mitentscheiden, was wir dort machen. Deswegen läuft das sehr vertrauensvoll und es geht nichts raus, was das Model nicht will.

Flaschenpost: Wie organisiert man das? Ihr sagtet bereits, dass ihr vorrangig lokale Models genommen habt. Habt ihr vor Ort einen Fotografen, der das für euch macht?

Kath: Genau, wir haben alle Shootings in und um Regensburg gemacht. Die meisten tatsächlich in Regensburg und eines an einem See nahe Regensburg. Wenn wir Models von außerhalb hatten, dann sind die nach Regensburg gekommen.

Steffen: Wir haben inzwischen auch eigene Beleuchtung, unser Fotograf – der auch im Kalender genannt ist – hat eine eigene Kamera. Wir hatten sogar einen zweiten Fotografen dabei, der auch den Kalender mitgestaltet hat. Das heißt, an der professionellen Ausrüstung mangelte es nicht. Wir mussten aber sehr viel organisieren. Wenn man sich die einzelnen Motive anschaut, sieht man etliche Dinge auf den Bildern, die nicht alltäglich sind. Beim Justitia-Motiv sind tatsächlich ein Schwert und eine Waage dabei – die muss man erstmal haben. Für das Bargeld-Motiv haben wir tatsächlich 10.000 Euro in bar besorgt und das Model damit bedeckt.

Flaschenpost: 10.000 Euro in bar? Wo bekommt man den so einfach 10.000 Euro in bar her und warum hat die Piratenpartei die nicht?

Steffen: Tja, es gibt halt Geldautomaten, sie spucken das Geld aus und ich habe es dann auch wieder eingezahlt. Es war kein Parteigeld, dass betone ich!

Flaschenpost: Wie laufen denn die Shootings selbst ab? Ist das eher kompliziert? Es sind schließlich keine professionellen Models, die da vor der Kamera stehen.

Kath: Das kommt ganz auf das Motiv an. Beim Justitia-Motiv zum Beispiel war das Make-Up grundsätzlich aufwändiger als bei anderen. Dafür habe ich alleine schon zwei Stunden gebraucht. Es kommt auch immer mit darauf an, wie viele verschiedene Posen wir ausgesucht haben und fotografieren wollen. Viel hängt auch davon ab, wie die Location beschaffen ist. Insgesamt ist es sehr unterschiedlich, mal ging es recht schnell, mal hat es länger gedauert – es hängt viel von den Umständen ab.

Steffen: Man muss sich die Bilder einfach mal anschauen. Eines ist – offensichtlich – vor einem Greenscreen fotografiert, eines ist in einem dunklen Keller entstanden…

Flaschenpost: Vor einem Greenscreen? Welches denn?

Steffen: Das ist der Mai – der junge Herr, der einen Selfie macht vor den vielen Fotos. Das bin übrigens ich.

Flaschenpost: Achso – schön, auch ein Gesicht zum Interviewpartner zu haben. Nächstes Mal live dann mit Klamotten.

Steffen: Das war eine Ausnahme! Ich habe mich halt mal für die Partei ausgezogen.

Flaschenpost: Alles klar – dann reden wir mal über nackte Zahlen. Wie viele Kalender habt ihr drucken lassen, wie viele davon sind jetzt schon verkauft?

Steffen: Wir machen das über den Geschäftsbetrieb der Piratenpartei. Der Kalender ist im PShop und im meinPiratenshop erhältlich. Den ersten Kalender bekam man gegen Spende, dieses Mal können wir sie damit auch nach extern verkaufen. Wir haben 250 Stück gedruckt und wir denken, dass wir diese Menge absetzen können. Wir haben bis Jahresende auch noch ein Quartal vor uns und haben auf dem BPT bereits ungefähr 40 verkauft. Ich habe an meine Nachbarn schon vier verkauft! Was die Shops seit dem BPT abgesetzt haben – seitdem ist er ja erhältlich – weiß ich noch nicht, das ist noch ein bisschen zu früh. Der Gewinn kommt auf jeden Fall komplett der Piratenpartei zugute. Der wird ungefähr Hälfte-Hälfte zwischen Bundespartei und dem KV Regensburg verteilt.

Flaschenpost: Und was hat alles gekostet? Das habt ihr sicher nicht alles privat finanziert, oder?

Steffen: Da muss ich schon sagen, es steckt nicht nur jede Menge Arbeit darin, sondern auch jede Menge privates Geld. Schau dir mal Motiv mit der Kalaschnikow an – die Uniform ist privat, das Gewehr wurde eigens dafür angeschafft. Das konnten wir in keiner Weise abrechnen. Ich sehe das eher so: Wir betätigen uns hier auf eine künstlerische Art und Weise – abseits davon haben wir auch eine Arbeitscrew und eine Stadträtin in Regensburg, sind also auch politisch aktiv. Aber das ist etwas, wo wir uns mal ein wenig austoben können, wo wir mal ein bisschen aneinandergeraten aber auch zusammenarbeiten können. Da haben wir tatsächlich selbst investiert und die Kosten – bis auf die Druckkosten – sind alle bei uns geblieben. Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute es gerne gemacht haben.

Flaschenpost: Zum Abschluss noch eine Frage an dich direkt, Kath: Du hast auf dem BPT gesagt, dass dies wahrscheinlich der letzte Kalender sein wird, den ihr macht. Warum?

Kath: Weil wir jetzt mit dem Bundestagswahlkampf so beschäftigt sein werden, dass wir die Zeit nicht mehr haben werden, noch einen Kalender zu machen. Außerdem war die Idee hinter den Kalendern immer, irgendeinen Wahlkampf zu finanzieren. Wenn es also wieder einen gibt, dann werden wir zum nächsten Wahlkampf einen machen.

Flaschenpost: Also ist es nicht definitiv der letzte, sondern nur vorerst?

Steffen: Sagen wir mal so: Es nicht geplant, dass jetzt direkt ein Folgekalender für 2018 in die Mache geht. Wir müssen auch erst einmal bewerten, wie gut der Kalender geht. Beim letzten hatten wir eine Auflage von 1000 Stück und waren schon beim BPT 2014 in den schwarzen Zahlen. Oder, Kath?

Kath: Da war ich nicht dabei, aber ich denke, wir sind mit dem aktuellen Kalender nach den 40 verkauften auf dem BPT in Wolfenbüttel auch schon in den schwarzen Zahlen sind.

Flaschenpost: Hoffen wir, dass ihr weitermachen könnt – die Idee ist auf jeden Fall klasse. Vielen Dank euch beiden auf jeden Fall für eure Arbeit und das Interview.

Kath & Steffen: Vielen Dank auch an euch.

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Quelle: Flaschenpost
Autor:

Datum: Donnerstag, 15. September 2016 8:00

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